Die Öl-Spekulanten und das Open Interest

Liebe Leser,

wie ihr bereits wisst, sind die großen Öl-Spekulanten an den Terminmärkten aktuell auf Rekord-Nettolong. In meinem letzten Beitrag habe ich auf eine Analyse eines Wall Street Bloggers verwiesen, der die Rekord-Position in das Verhältnis zum Open Interest gesetzt hat. In dieser Betrachtung sind die Positionen also noch lange nicht auf Rekord. Ob man das eher als bullisch oder nicht interpretiert, da es nach oben hin noch extremer werden kann, ist eine andere Frage. Hier soll es um das Open Interest gehen. Mein Ziel ist es herauszufinden, welche konkreten Aussagen uns das Open Interest liefern kann, außer die wir bereits kennengelernt haben.

Was ist das Open Interest?

Das Open Interest ist die Gesamtheit alle offenen Kontrakte an dem jeweiligen Terminmarkt. Dabei wird ein Kontrakt dann hinzugezählt, sofern es zwei Kontraktpartner gibt, also Long und Short. Soweit so gut. Ein Beispiel kann das besser verdeutlichen. Wir stellen uns drei Futures-Händler vor. Händler A, Händler B und Händler C.

  • Ein offener Kontrakt entsteht, wenn Händler A Long geht und Händler B Short. Das Open Interest steigt dann um 1.
  • Wenn Händler A seinen Long-Kontrakt wieder auflöst, wird das Open Interest 0 sofern auch Händler B seinen Short auflöst.
  • Händler A könnte seinen Long aber auch an Händler C verkaufen, während Händler B seinen Short weiterhin behält. In diesem Fall bleibt das Open Interest bei 1.
  • Händler C könnte allerdings nicht nur von Händler A einen Kontrakt kaufen, sondern auch von Händler B oder Händler D. In diesem Fall würde das Open Interest um 1 steigen.

Daraus folgt, dass das Open Interest zwingend durch einen paarweisen Kontrakt steigt und fällt. Die Frage, die sich hier nun stellt ist: Kann man mit Hilfe des Open Interest eine Aussage darüber tätigen, ob an einem Anstieg/Fall des Open Interest, größtenteils Long- oder Short-Kontrakte beteiligt sind? Schauen wir uns ein aktuelles Beispiel an

Crude Oil COT-Daten Long Format

WTI COT-Daten Long Format.PNG

Im Long Format sehen wir das gesamte Open Interest in der linken Seite. Wir sehen auch, dass die gesamte Anzahl (Total) an Long und Short Kontrakten der beiden größten Gruppen, zu der Höhe der Kontrakte der Non-Reportables, eine Differenz bildet. Zählt man die Positionen der Non-Reportables (kleinen Spekulanten) dazu, kommt man auf das volle Open Interest, womit die obige Aussage, dass das Open Interest die Summe aller Long- oder Short-Kontrakte ist, zutreffend wäre. Ich bevorzuge hierbei das Long-Format, weil es den prozentualen Anteil der jeweiligen Positionen angibt. Ich habe mir hieraus jedoch noch keine Aussage ableiten können. Graben wir etwas tiefer.

Wir haben in der vergangenen Woche einen Aufbau des Open Interest von 17.056 Kontrakten. Gleichzeitig haben wir einen Abbau der Longs der Spekulanten von -22.436 und einen Aufbau der Shorts von 8.917, was einem Abbau der gesamten Nettolong-Position in der Höhe von -31.353 entspricht. Bei den Commercials ist die Nettoshort-Position, der gleichen Berechnung nach, um 25.769 Kontrakte gestiegen. Die Non-Reportables verzeichneten einen Aufbau der Nettolongs von 5.584.

Da wir jedoch wissen, dass das Open Interest sich jeweils entweder aus der Summe der Short oder Longs bildet, müssen wir nicht die Nettolongs betrachten, sondern die Brutto-Positionen. Rechnen wir alle Longs inklusive der Spreading-Positionen zusammen, kommen wir auf unser Open Interest.

Die Spreading-Positionen sind diejenigen Positionen, im Rahmen derer ein Trader beispielsweise sowohl einen Long- als auch einen Short-Kontrakt im selben Underlying hält aber in der Regel mit unterschiedlichen Laufzeiten. Bsp: Trader hält 1.000 Long-Kontrakte und 1.500 Short-Kontrakte. Dabei werden 1.000 Kontrakte in der Kategorie Spreading gezählt und 500 in der Kategorie Short.

Die Summe alleine tut es nicht

Was ist nun die Quintessenz der Berechnung? Meine ist, dass sich aus der Betrachtung der Summe aller Long- oder Short-Positionen, also dem Open Interest selbst, noch keine tiefer gehende Aussage tätigen lässt, es sei denn wir bröseln das Open Interest in Bruttopositionen auf, setzten es ins Verhältnis zu den Netto-Positionierungen oder vergleichen es mit anderen Daten um Auffälligkeiten zu erkennen.

Letzteres fiel mir beispielsweise in der vorhergehenden Woche auf. Nämlich als die Netto-Positionen jeweils nur um ca. 45.000 Kontrakte gestiegen/gefallen sind, das Open Interest aber um das doppelte eingebrochen war.  Es musste sich also innerhalb der Brutto-Positionen womöglich eine Ungleichmäßigkeit bzw. eine starke Positionsanpassung gegeben haben. Schauen wir uns die Daten genauer an.

Crude Oil COT Long.PNG

Wir sehen einen Abbau des Open Interest von 80.665 Kontrakten. Stellen wir, wie man es normalerweise tut, die Netto-Positionen der einzelnen Gruppierungen gegenüber, dann fällt kaum etwas auf. Die Spekulanten bauen ihre Nettolongs um 48.151 Kontrakte auf, die Commercials bauen ihre Shorts um 45.386 Kontrakte ab. Beide Gruppen halten sich somit in etwa die Waage, was ja auch plausibel ist.

Schauen wir uns jedoch wie im Eingangsbeispiel nur die Longs an, dann fällt folgendes auf: Zum einen stellt das Spreading erneut einen großen Teil des Abbaus dar. Zum anderen fällt auf, dass Bruttolongs bei den Commercials massiv abgebaut wurden. Der Anteil übersteigt den Abbau der Bruttoshorts um das 2,5 fache.

Fazit

Ich komme mit den Daten nicht wirklich weiter, denn egal wie ich sie drehe oder wende, eine tiefer gehende Aussage, lässt sich für mich daraus nicht wirklich ableiten. Gerne würde ich eines Besseren belehrt!  Selbst Stephen Briese bemängelt in seinem Buch „The Commitments of Traders Bible“, dass die Daten, würden sie noch so umfangreich aussehen, kaum tiefer gehende Erkenntnisse liefern könnten, weshalb er sich auf Netto-Positionen fokussiert.

Auch die Erkenntnis, dass die Spreading-Position für den Ausgleich zwischen der auf den ersten Blick großen Differenz, wie im obigen Beispiel dargestellt, verantwortlich ist, bringt mich nicht weiter. Auf der Ebene der Brutto-Positionen kann man aber wohl versuchen im längerfristigen Verlauf extreme Anpassungen zu identifizieren.

Eine weitere Sache finde ich dennoch interessant im Bezug auf das Open Interest, die möglicherweise einer näheren Betrachtung bedarf. Das wäre die Analyse des Open Interest im Verbund mit dem Volumen und den Positionierungen.  Bezogen auf eine Periode ist die Summe aus Short- und Long Positionen, das gehandelte Volumen. Während beim Open Interest zwar ein Umsatz bereits im Eingehen einer Position entsteht, wächst und fällt es erst, wenn ein Gegenpart an dieser Position beteiligt ist.

Im Volumen hingegen, wird jeder Umsatz gezählt, also jeder gehandelte Kontrakt. Bezogen auf unser Beispiel, in dem Händler A seinen Kontrakt an B wieder veräußert, würde das Open Interest auf 0 fallen, während das Volumen hierbei auf 2 angestiegen wäre. Allgemein betrachtet, meine ich die Aussage aufgeschnappt zu haben, dass bei einem steigenden Open Interest und gleichzeitig niedrigem Volumen, überwiegend Hedger (Commercials) das hohe Open Interest aufrecht erhalten. Wenn also beides, sowohl das Open Interest als auch das Volumen hohe Stände verzeichnen, sind auch hohe spekulative Einflüße am Werk. Das schaue ich mir dann bei Gelegenheit etwas genauer an. Falls sich hier COT-Experten unter den Lesern befinden: Jede zusätzliche Erkenntnis, würde mich und andere Interessenten sicherlich weiter bringen 😉

Bis dahin, viel Erfolg und gute Analyse-Ideen.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Die Öl-Spekulanten und das Open Interest

  1. …jetzt ist halt die Frage: Kann der starke Abbau bei den Brutto-Long Positionen von vor zwei Wochen (siehe oben), teilweise auf den aktuellen Ölpreissturz hingedeutet haben und damit einen indikativen Charakter beweisen?

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s